Thomas Rüedi | 30.1.2026
Sich ergänzende Wirksamkeit auf Augenhöhe
Bei der Betrachtung von Wirksamkeit oder Selbstwirksamkeit als Männer wollen wir in diesem Beitrag zwei Aspekte genauer unter die Lupe nehmen: denjenigen in der initiatorischen Begegnung von jüngeren und älteren Männern beim Mentoring einerseits, und denjenigen von Tätigkeiten von Männern und Frauen als gleichwertige Teammitglieder auf Augenhöhe andererseits.
In der Konstellation von Mentor und Mentee begegnen sich Männer als eine meist wiederholte Begegnung eines älteren, erfahrenen Mannes - im Idealfall in der Rolle eines Elders - mit einem jüngeren Mann, der sich irgendwo auf seinem Weg in der ersten Lebenshälfte befindet. Natürlich wird dieses Modell auch bei Frauen sehr nutzbringend eingesetzt.
Eine solche Begegnung ist in ihrer Wirksamkeit und für beide sehr bedeutungsvoll; denn der ältere Mann, der Mann in der zweiten Lebenshälfte oder „Elder“-Mann - der in seinem Leben als werdender Alter&Weiser die volle Selbstwirksamkeit als Selbstverwirklichung (gem. Abraham Mazlow) anstrebt - schenkt dem Jüngeren seine volle Aufmerksamkeit, hört ihm achtsam und entspannt zu und schenkt diesem einen Raum, wo dieser sich zeigen und nach und nach entfalten kann. Um das zu ermöglichen, „labert“ der Ältere den Jüngeren nicht mit seinen „Weisheiten“ und Erfahrung voll, sondern er wartet, mit Interesse geduldig zuhörend, bis der Jüngere Anzeichen zeigt, dass er für fein abgewogene Mengen an Inputs des Älteren aufnahmebereit ist.
Auf der anderen Seite schenkt der jüngere sog. Mentee dem Mentor seine Vitalität, seine auch vielleicht noch erst durch eine sich langsam oder spontan lockernde „Handbremse“, verhaltene oder übersprudelnde Lebensfreude und seine Neugier auf das Leben - deren Kraft und Energie den Elder „in Ausbildung“ dabei unterstützt, sich weiter in seine ganzheitliche, für jede Form der Gesellschaft zentrale Rolle zu vertiefen und zu entfalten.
Hier erleben wir gegenseitig ergänzende, sich entfaltende Wirksamkeit im Austausch und in der gegenseitigen Annahme der unterschiedlichen Qualitäten - von denen ev. erst der Mentor die volle, bewusste Kenntnis hat - als für die Gesundheit unserer Gesellschaft entscheidende Orte -, wo gegenseitig wichtige Schritte der Individuation (gem. C.G. Jung) oder Initiation stattfinden können. Auf diese Thematik wird auch in meinem neuen Buch „Elderhood - neue, faszinierende Perspektiven zum Alt&Weise-Werden“ eingegangen.
Zum Zweiten erinnern wir uns vielleicht an einen früheren Blogbeitrag, bei dem es mit dem Titel „Neomatriarchaler Sexismus“ um meine Feststellung ging, dass die Wirksamkeit von Männern in der Konstellation eines gemischten, von der Funktion gleichwertigen Ermittlerteams in Kriminalfilmen und -videos anscheinend absichtlich zurück gebunden wur-
den; dabei wurde auch beobachtet, dass grundsätzlich Männer viel öfter als Täter und in abgewerteten Rollen als „Loser“ dargestellt wurden. Für mich als Krimi-Liebhaber haben
diese Beobachtungen dazu geführt, dass ich davon aus gehe, dass diese nicht gleichwertige Darstellung von Männern in solchen Teams in verschiedenen Fernseh-Sendern und Videoanstalten absichtlich - vielleicht als eine Art von Vergeltung für eine sehr vereinfacht verstandene, verzerrte Auffassung des sogenannten Patriarchats - vollzogen wurden und werden. Diese Form ist natürlich auch eine Spielart, die als eine von vielen Möglichkeiten gezeigt werden kann. Sicher muss an dieser Stelle auch darauf hingewiesen werden, dass es in der umgekehrten Konstellation – Frau als „Assistentin“ des Mannes – bisher natürlich viele Jahre selbstverständlich war, dass die Männer dominierten. Allerdings ist die aus meiner Sicht heute weitaus wichtigste Form - die es mehr und mehr zu verwirklichen gilt - diejenige, wo Frauen und Männer in gleichwertigen, sich ergänzenden Teamkonstellationen auftreten. Am Schluss des letzten Blog-Beitrags hatte ich die Hoffnung geäussert, dass es möglich sein würde, schon bald - und natürlich auch generell - Filme und Videos mit gemischt-geschlechtlichen, auf Augenhöhe operierenden (Ermittler-)Teams zu verwirklichen. Das gleiche Problematik ist in Analogie und auch als eine Grundlage dafür, aus meiner Sicht heraus, heute oft in verfilmten, binären Paarbeziehungen zu sehen.
An diese Beobachtungen möchte ich hier anknüpfen und von einem Lichtblick bezüglich der gleichgestellten, sich ergänzenden Wirksamkeit von Männern und Frauen in diesem Segment Filme berichten. Obwohl es, gemäss meinen fortgesetzten Beobachtungen, nach wie vor eine scheinbar absichtlich grosse Vielzahl von Krimis gibt, bei denen die Ermittler-Teams von Frauen dominiert werden, gibt es erste Anzeichen für Hoffnung auf eine Überwindung dieses Entwicklungsschrittes.
Es ist meiner Meinung nach höchste Zeit, dass wir uns aus den diversen Formen von Geschlechterkampf verabschieden und dabei neue, in der Öffentlichkeit wirksame, Vorbild-gebende Rollendarstellungen auf gegenseitig wertschätzend-heilsamen Augenhöhe entstehen und so unsere Gesellschaft bei der Entfaltung dieser für unsere Zeit sehr wichtigen Form der co-kreativen Wirksamkeit von Mann und Frau unterstützt und positiv davon beeinflusst werden kann.
So gibt es nun aktuell in diesem Zusammenhang einen ersten Lichtblick, wonach es, gemäss meiner Beobachtung, seit vielen Monaten, einen ersten Krimi-Beitrag mit dem Titel „Erika Mustermann“ der Tatort-Reihe gibt, bei dem es zu einer stimmigen, egalitär-achtsamen, wohlwollenden, gemeinsamen, erfolgreichen Tätigkeit eines männlichen mit einer weiblichen Kommissarin gekommen ist ! Gerne empfehle ich euch diesen als vorbildlichen „Anschauungsunterricht“.
Wunderbar - auf diesen heute „Not-tuenden“ Entwicklungsschritt hatte ich schon lange gewartet und hoffe, dass dieser nun bewusst fortgesetzt werden kann.
