Januar 21

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Suizid – das Ende vom Schmerz?


Hans Lüthi, Coach und Hypnose-Therapeut | 21. Januar 2022 

Warum Männer gut daran tun, sich ihrem Inneren zuzuwenden

Mag sein, dass dies ein unorthodoxer Beitrag zum Thema Suizid ist. Er richtet sich an Dich, wenn Du gerade mitten in der Krise steckst und in Deinem Schmerz und Deiner Verzweiflung scheinbar nur noch die eine Wahl hast: Den Freitod. Vielleicht ringst Du mit diesem Gedanken. Vielleicht hast Du es für Dich bereits entschieden, und es ist nur noch eine Frage des Vollzugs.

Vor einem Jahr war ich auch an diesem Punkt. Dann, nach einem missglückten Suizid-Versuch wieder zurück in meiner Schmerzschlaufe, ohne Glauben an eine Zukunft und vor allem mit dem alles übertönenden Wunsch unterwegs: Der Schmerz muss aufhören. Der Wunsch tot zu sein war omnipräsent. Achterbahn der Gefühle, auch während des ganzen Jahres und immer wieder dieser eine Wunsch: Es soll ein Ende haben, mit meinem Drama.

Der Gedanke an den Tod besuchte mich immer wieder, wie ein guter Freund, der mir verspricht, dass dann alles gut sein würde. Meine frühere, religiös begründete Idee über den Tod: Der Tod gleicht einem tiefen Schlaf, einer Narkose. Also: Keine Schmerzen, kein Bewusstsein mehr. Weg vom Fenster – aber das ganze Theater in meinem Leben würde mich nichts mehr angehen. Klang für mich nach einer Lösung, die mir nur insofern Sorgen machte, dass Hinterbliebene von Suizid-Verstorbenen sich oft das Leben lang schwerste Vorwürfe machen – und leiden. Das wollte ich definitiv nicht. Nur schien es mir so, dass ich es nicht mehr aushalten könne und meine Rücksicht auf andere ausgeschöpft wäre. Ausserdem war ich überzeugt, dass es für meine Hinterbliebenen eh besser wäre, wenn ich nicht mehr da sein würde und so der Nutzen über dem Schaden stehe.

Was nach dem Suizid sein könnte

Lieber Freund, hätte ich eine elegante Lösung, wie sich das mit der Ohnmacht und dem Schmerz auf die Schnelle regeln liesse, ich würde noch so gerne darüber schreiben. Damit kann ich leider nicht aufwarten. Aber ich möchte Dich gerne als unbekannter Freund ansprechen, weil ich Dir etwas zu sagen habe, was Deine Entscheidung, Deinem Leben ein Ende zu machen, hoffentlich beeinflussen kann. Es wird Dir wenig nützen, wenn ich Dir jetzt schreibe, dass das Leben weiter geht, dass der Schmerz nachlässt, dass Du noch eine Aufgabe hast und ähnliches. Das kriegt man als Betroffener (zu Recht) immer wieder zu hören. Nur nützt Dir das jetzt gar nichts, weil Du das in Deinem Schmerz verständlicherweise nicht glauben kannst.

Da der Suizid bei mir nicht geklappt hat, ist mir Zeit geblieben. Zeit, in der ich mit vielen interessanten Menschen über Suizid gesprochen habe. Ich war mir zwar sicher, Bescheid zu wissen, was «auf der anderen Seite» sein würde. Aber kann man es mit absoluter Sicherheit wissen? Was, wenn man vom Regen in die Traufe kommt? Was hätte ich denn gewonnen, wenn es mir danach noch schlechter ginge?

Ein Gespräch mit einem sehr wachen und klugen Menschen ist mir besonders gut in Erinnerung. Er fasste sein Briefing von der «geistigen Seite», wie er das nannte, so zusammen: Wenn Du als Selbstmörder auf «die andere Seite kommst», dann «lebst Du weiter» als körperloses Wesen. Du bist immer noch Du, aber ohne die Möglichkeit zu handeln, etwas zu bewirken, zu beeinflussen oder einzugreifen. Du siehst mehr in die Dinge hinein, als Du das als Mensch je konntest, fühlst den Schmerz der Zurückgebliebenen, siehst, wo sie Fehltritte machen und fühlst mit ihnen mit. Klarer, als Du es als Mensch je konntest. Aber bewirken kannst Du überhaupt nichts mehr. Du kannst nur zusehen. Sein Fazit: «Da bleibe ich lieber in meinem Körper als Mensch. Dann kann ich wenigstens ein Glas an die Wand schmeissen, wenn mir danach ist».

Lernaufgaben, die mir das Leben stellt

Ich habe das nicht gerne gehört. Im Gegenteil – dann soll also nicht einmal der Tod die Lösung sein? Ich war wütend. Daraufhin habe ich mich mit Literatur eingedeckt, die über das Thema schreibt. Hier einige der Bücher, die ich lesenswert finde:

  • Brücken zwischen Leben und Tod von Iris Paxino
  • Suizid ist nicht das Ende von Hannah Semper
  • Der Suizid aus anthroposophischer Sicht von Michael Heinen-Anders.

Der Tenor im Grossen und Ganzen: Es ist nachher nicht einfach vorbei. Meine «Lernaufgaben», die mir das Leben stellt, kann ich mit dem Freitod nicht verhindern. Ich muss gewissermassen «auf der anderen Seite» nachsitzen. Und das auch noch unter wenig erfreulichen Bedingungen. Niemand kann sagen, wie es wirklich ist… Mir gab das zu denken.

Wenn es wirklich so ist, dann ist der Freitod nicht die Lösung. Wenn Du diesen Überlegungen eine Chance gibst, stehst Du natürlich vor dem Dilemma, was Du jetzt mit Deiner Ohnmacht, Deiner Verzweiflung, Deiner Traurigkeit, Deiner Hoffnungslosigkeit und Deinem Schmerz anfangen sollst.

Suche Dir in dieser akuten Phase unbedingt Hilfe

Wähle eine Notfallnummer. Klopfe an die Türe einer Klinik. Verschiebe die Idee, Dich umzubringen, und gib Deinem Leben noch etwas Zeit. Das geht nur, wenn Du jetzt Menschen um Dich hast, die verfügbar sind. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ohne Wartezeiten. Sie sind der Rettungsring im Sturme Deines gekenterten Bootes. Es ist das, was Du jetzt gerade für Dich brauchst. 

Das ist alles, was Du in einem ersten Schritt tun musst. Alles andere wird sich ergeben. Du darfst darauf vertrauen, dass man Dich und Deine Not ernst nimmt. Und man lässt Dich mitentscheiden, bei allem, was man Dir an Hilfestellung anbietet. Nur: Such Dir diese Hilfe! Genau dort. Freunde und Familie sind in der Regel überfordert.

Überlegungen, die für mich auch hilfreich waren, «meinen Termin» immer wieder etwas zu verschieben, war unter anderem folgende:

  • Was will ich mit dem Suizid überhaupt erreichen?
  • Was genau soll damit enden?

Im Grossen und Ganzen einfach, dass ich endlich Ruhe hätte, dass die Quälerei aufhört. Dass ich nicht mehr kämpfen muss. Die Einsamkeit, die Trauer ein Ende finden. Für einen guten Therapeuten sind das nachvollziehbare Ziele. Viele Wege führen nach Rom. Warum sich nicht eine gewisse Zeit gönnen und mit einem guten Therapeuten zusammen daran arbeiten, diese nachvollziehbaren Wünsche als Therapieziele zu setzen und darauf hinarbeiten? Gib dem Leben eine Chance. Gib Dir etwas Zeit…

Der Schmerz wird weiter gross sein, aber Du bist nicht mehr allein damit. Und Du findest Zeit für Dich. Um Schritte zur Heilung einzuleiten. Jedes Gramm Schmerz, das verloren geht, bringt etwas Erleichterung. Mit der Heilung gibt es auch wieder Perspektiven. Es braucht viel Geduld. «Das Alte» geht nicht mehr. Deshalb ist es ja so ohnmächtig. Und «das Neue» ist noch nicht da. Und Du steckst mittendrin. Das nennt sich Krise.

Die Geschenke in der Krise

Du kannst es jetzt nicht glauben, aber im Rucksack der Krise warten Geschenke auf Dich. Das sind nicht nur schöne Worte. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass der Schmerz der Krise mich auf Dinge gebracht hat, die ich lernen musste zu beachten. Der Schmerz hat mich dazu gezwungen, das zu tun. Jetzt beginne ich davon zu profitieren. Und es gab in der Zwischenzeit durchaus auch Momente tiefer Dankbarkeit für diese hässliche Erfahrung und diese katastrophale Zeit. Sogar mittendrin, im tiefsten Elend. Die Krise hilft mir, mein Leben zu veredeln. Wie das Sandkorn in der Muschel. Es stört, und deshalb macht die Muschel eine Perle daraus.

Ich wünsche Dir, dass Du dranbleibst. Es geht weiter. Gib nicht auf!

Autor: Hans Lüthi, Coach und Hypnose-Therapeut, Schweiz

Lesetipp: «Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben» von Matt Haig. Für dann, wenn’s schon ein bisschen besser geht.

Wichtige Telefonnummern

  1. Die dargebotene Hand Schweiz: 143
  2. Beratungstelefon für Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre: 147
  3. Telefon Seelsorge Deutschland:  0800 111 0 111
  4. Telefon Seelsorge Oesterreich: 142
  5. Internationale Hilfe-Nummern: https://www.telefonseelsorge.de/international-helplines/

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  1. Selber bin ich, Gottseidank, von diesem Thema verschont gewesen, ausser grad als 16-Jähriger, als sich der Vater meines befreundeten Nachbarn das Leben genommen hat. Er war Schauspieler, hatte Geldsorgen, zu wenig Aufträge und die Beziehung war auf Scheidungskurs. Kürzlich begegnete ich Warren Farell, der in „Boys Crisis“, die hohe Suizidrate von Männern weltweit nachweist. Wie froh ich bin, dass ich demnach a. „nur“ einen abwesenden Vater hatte und b. beengende Rollenerwartungen wie Stammhalter, Familienernährer und Geld verdiener, Geld verdiener, Geld verdiener werden musste. Dass ich einen sozialen Beruf erlernt habe, ist bestimmt ein wichtiger, „lebensrettender“ Faktor, so dass meine Lebens- und Schaffensfreude meist sowohl in Alltag wie in Urlaubszeiten im Vordergrund stand.

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