März 4

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Von Vätern und Söhnen


Dave Bärtsch | 04.03.2022 

Ich möchte über Väter und Söhne schreiben. Vom Verhältnis von Vater und Sohn. Dreamteam oder unüberwindliche Gräben? Ich kann nicht für alle Vater-Sohn-Beziehungen sprechen. Darum spreche über meine Beziehung zu meinem Sohn und zu meinem Vater.

Mein Vater ist Anfang Februar 2022 gestorben. Beim letzten Kontakt sind wir in einem Streit auseinander gegangen. Da hat niemand damit gerechnet, dass er 5 Tage später von uns gehen würde. Er konnte ruhig und schnell einschlafen und hat seine Reise ohne Schmerzen antreten können.

Ich bin mit ihm und mir im Reinen, denn ich habe nicht mit ihm, sondern mit seiner Krankheit gestritten. Die Altersdemenz hat seine Reaktionen ‚böse‘ werden lassen. Und trotzdem ist dieser letzte Moment auch sinnbildlich für meine Beziehung zu ihm in den letzten Jahrzehnten.

Mein Verhältnis zu meinem Vater war kein besonders gutes. Ich habe das Gefühl gehabt, dass er mich nicht liebt. Ich habe keine emotionale Nähe gespürt, nie gehört, dass er stolz auf mich ist. Ich habe ihn als kämpfenden, aber auch frustrierten Mann und Ehemann in Erinnerung. Ich habe mich ihm als Kind und Jugendlicher nie sehr nahe gefühlt.

Heute macht mich das traurig. Ich habe ihm auch Schuld zugeschoben, dass ich 2015 mein Burnout hatte. Zu viele negative Erlebnisse aus dem Familienleben waren mir damals präsent. Ich habe auf diese fehlende emotionale Nähe mit Kontrollsucht reagiert. Mein Leben selber in die Hände genommen. Früh schon als Jugendlicher. Und mich distanziert.

Heute und nach Gesprächen mit meinem Vater in den letzte 5 Jahren weiß ich,  dass es für meinen Vater in seinem Leben noch schwieriger war. Geboren kurz vor dem 2.Weltkrieg, selber in einer Familie, die keine Liebe zeigen konnte, da sie es selber auch nicht gelernt hat. Er musste sich aus dem Kontrollkreis seines Vaters entziehen, als er 26 war. Ohne eigenes Geld in der Tasche hat er Mitte der 60er-Jahre begonnen, sein Leben aufzubauen. Mit meiner Mutter zusammen. Er hat gekämpft, er hat es geschafft, beruflich Fuß zu fassen und Anfang der 70er-Jahre ein Haus, SEIN Haus bauen zu lassen. Er hat sich durchgesetzt, es seinem Vater gezeigt!

Und ich? Ich habe mich distanziert. Wie er es von seinem Vater gemacht hat. Und sein Vater hat seinen Vater, meinen Urgrossvater also, nicht einmal gekannt. Eine Ahnengalerie von Männern, die keine oder keine besonders gute Beziehung zu Ihren Vätern gehabt hat.

Erst in der Aufarbeitung meines Burnouts und sogar erst 2 Jahre danach habe ich realisiert, dass ich ein Symptomträger bin. Ich habe die Geschichte der Männer in meiner Familie weitergetragen. Was für eine Erkenntnis!

Erst jetzt war ich in der Lage zu sehen, dass meine Vater genauso ‚Opfer‘ war wie ich. Und sein Vater auch. Da konnte ich verstehen, verzeihen, meine Ruhe finden. Mein Verhältnis zu meinem Vater hat sich zumindest innerlich bei mir verändert.  Leider konnten wir nie offen über Persönliches sprechen. Er hat das nie gelernt, wohl als Zeichen von  Schwäche missinterpretiert.

Ich konnte die letzten Jahre mit emotionaler Distanz für ihn da sein. Für ihn und meine Mutter schauen und unterstützen. Bis auf den letzten Moment, wo die Prägungen von uns beiden nochmals in einem kurzen Feuerwerk an Emotionen in einem kleinen Streit endeten. Aber es waren Emotionen! Wir waren und sind uns nicht gleichgültig!

WAS NEHME ICH FÜR MICH MIT?

Ich bin einerseits froh über meine gewonnen Erkenntnisse. Ich bin mir heute klar, dass mein Vater, meine Eltern das Beste wollten. Und aus Ihren Möglichkeiten das Beste gemacht haben, aber wie viele Menschen ihre Prägungen nicht alle über den Haufen werfen konnten. Ich weiß heute, dass nur ich für mein Wohl, meine Zufriedenheit verantwortlich bin. Und ich niemanden Schuld zuweisen darf.

Ich bin aber auch traurig. Traurig, dass sich mein Vater nie soweit öffnen konnte, um über seinen Seelenzustand zu sprechen. Ich hätte mir gewünscht, dass er seinen Rucksack leeren könnte. Ballast ablegen. Früher zur Ruhe zu kommen. 

Traurig auch, dass ich viel von der Familien-Männergeschichte auf meinen Sohn übertragen habe. Heute würde ich in meiner Beziehung zu meinem Sohn vieles anders machen.

Ich bin aber auch froh. Ich kann mich heute an die vielen schönen Erlebnisse mit meine Vater zurückerinnern, die es auch gab. Nach seinem Tod habe ich mich an ihn als lustigen Menschen erinnert. An die Erlebnisse, als ich mit ihm in der Natur beim Fischen war. An seine Freude, als die Enkelkinder zur Welt kamen. Ein stolzer Mann, der mit seiner Kämpfernatur viel mehr erreicht hat, als er es sich wahrscheinlich in den 60er-Jahren hätte vorstellen können.

Froh bin ich auch darüber, dass ich nach meinem Burnout das Gespräch mit meinem Sohn gefunden habe. Ihm klarmachen konnte, dass er und ich gemeinsam diese Männergeschichte in der Familie unterbrechen können. Eine neue schreiben. Ich denke, das ist uns gelungen. Ich kann heute meinem Sohn sagen, dass ich stolz auf ihn bin!

WAS MACHE ICH AUS MEINER ERKENNTIS?

Ich bin heute Mentor und Coach. Es ist mir ein Anliegen, dass Männer im Beruf und im Privatleben es sich zugestehen, sich selber zu sein. Ich nenne das Selfness. Selfness als Mensch, Selfness in Leadership.

Aus dieser neuen Grundhaltung, welche übrigens sehr befreit (ich weiss, wovon ich spreche) entstehen andere Beziehung unter Männern.

Vater-Sohn-Beziehungen aber auch generell Beziehung unter Männern. Freundschaften ohne Erwartung.  Mehr auf Herz und Werte basierend, weniger Macht- und Imponiergehabe. 

Und ich möchte Vater und Söhnen dabei helfen, Ihre Beziehungen zu Lebzeiten zu verbessern. Paartherapeut für Väter und Söhne? Vielleicht. Mediator? Auf jeden Fall!

Ich verspreche mir davon ein neues Rollen- und Selbstverständnis für Männer. Ein besseres Miteinander zwischen Väter und Söhnen. Freundschaft auf Augenhöhe anstatt Gegner, immer mit Respekt voreinander und Vorrang vor dem Alten (systemische Regel).

David Bärtsch

In Memoriam Peter Bärtsch

PS:

Ich weiß nicht, welche Beziehung Wladimir Putin zu seinem Vater hatte. Man sagt, dass Putins Vater ein Fabrikarbeiter in einem Werk für Wagonbau gewesen sein soll. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei und dem Vernehmen nach ein sehr strenger Mann. Er kämpfte als Marinesoldat im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Ist Wladimir auch ein Symptomträger für eine Familiengeschichte?

Aber vielleicht schaffen wir es, künftige neue Geschichten zu schreiben, die weniger auf Macht und Kampf als mehr auf Entwicklung miteinander besteht.

„I have a dream. A dream that man and woman act together in unity and mutual respect. In peace and as one.“

David Bärtsch, Oberurnen
Selfnessangebote für Männer
www.selfness.ch/männer/
hallo@selfness.ch / +41 55 610 19 19

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